Unterbewertetes Armenien Teil 2

Nach dieser wunderbaren Erfahrung trennten sich Tamar’s und mein Weg bereits wieder. Ich verließ also Jerevan. In dem ersten Auto, welches für mich anhielt, saß überraschender Weise eine deutsche Familie. Daniel, Annegret und ihre beiden Kinder sind vor einem halben Jahr nach Armenien ausgewandert, um hier als Lehrer zu arbeiten. Nach einem halben Jahr ist für die Beiden noch lange nicht an eine Rückkehr zu denken.

Zufällig hatten sie das gleiche Ziel wie ich – Jermuk. Ein alter Kurort in den Bergen mit heißen Quellen, von denen das sehr mineralhaltige Wasser eine heilende Wirkung haben soll. Als wir dort ankamen, realisierte ich, dass es durch die gegebenen Wetterbedingungen mit dem Zelten etwas problematisch werden würde. Da ich so schnell keine andere Option fand und Daniel und Annegret mich nicht dem Schneesturm ausliefern wollten, boten sie mir an, bei ihnen im gemieteten Apartment auf der Couch zu übernachten. Aus einer Nacht wurden zwei und am letzten Tag planten sie einen Ausflug nach Tatev, welches ebenfalls mein nächstes Ziel sein sollte. So verbrachte ich eine super Zeit mit der Familie zusammen, die sich in mein Gedächtnis einprägte. Mit der Familie stehe ich bis jetzt in Kontakt. Wir schreiben uns gelegentlich E-Mails. 

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Tatev war an unserem Ankunftstag im Nebel eingehüllt. Man konnte wahrhaftig seine Hand vor Augen nicht mehr sehen. Das waren also optimale Bedingungen, um mit der längsten Seilbahn der Welt über das ansehnliche Tal von Tatev zu fahren. Wir reihten uns also in die Schlange der wartenden Menschen ein. Einige Minuten später sahen wir, wie zu erwarten war – nichts! Oben angekommen trennten sich unsere Wege dann endgültig. Ich spazierte alleine weiter ins Dorf, wo ich bei Vagev und seiner Familie für einige Tage unter kam. Die Familie lebt dort ganz ursprünglich. Nur ein Raum wird mit einem Holzofen beheizt, auf dem ebenfalls das Brauchwasser erhitzt wird. Seit einiger Zeit gibt es hier im Dorf sogar fließendes Wasser. Doch dieses fällt täglich aus, dann steht man ganz ohne Wasser da. 

Morgens wenn ich aufstand und die Tür meines Zimmers öffnete, genoss ich die frische Bergluft und den direkten Ausblick auf die mit Schnee eingedeckten Berge. Dann wurde ich von morgens bis abends mit Hausmannskost verwöhnt. Am Abend stand dann immer noch der hausgemachte Wodka und Wein auf dem Tisch. Gläser in die Höhe und der erste Toast wurde ausgesprochen, dann folgte das klirren der Gläser und die Gläser werden geleert. Das ist dort Tradition, wie ich es ebenso aus Georgien kannte. Und gleich die nächste Runde mit einem neuen Toast… Zwischenzeitlich genoss ich die Natur um Tatev herum, in dem ich ausführliche Wanderungen durch die Berge und Wälder machte. Der Schnee taute langsam und die ersten Frühlingsblüher erblickten bereits das Sonnenlicht, sowie die ersten Sprossen an den Bäumen sich zeigten.

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Am letzten Tag bei Vagev und seiner liebevollen Familie erhielt ich eine Nachricht via Instagram. Helen, eine gute Bekannte aus Berlin, schrieb mir. Ihr Vater, Chahen, lebte lange Zeit in Deutschland, hat sich allerdings vor ca. 20 Jahren in Armenien, in Goris, niedergelassen und dort ein Hotel aufgebaut. So bekam ich eine Einladung in das Hotel Mirhav. An dem Tag als ich mich von Tatev aus aufmachte, wollte ich erneut mit der Seilbahn fahren, mein Ticket hatte ich bereits. Doch es wütete ein Sturm. Aus diesem Grund war die Station geschlossen. So musste ich also ein Auto auf meine übliche Art und Weise stoppen. Erstmals dachte ich, hier kommt so schnell keines vorbei, denn in der Zeit in der ich mich hier aufhielt waren die Straßen leer, geschweige irgend ein Fahrzeug zu sehen. Doch dann hatte ich Glück, denn Wolfgang aus Deutschland der mit seiner Familie unterwegs war, nahm mich mit. An der Hauptstraße Richtung Goris ließen sie mich raus. Es stürmte mächtig. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Ich positionierte mich also im Spagat am Straßenrand, versuchte nicht wegzufliegen und gleichzeitig die nächste Mitfahrgelegenheit in das nahegelegene Goris zu bekommen. Wie in Armenien üblich, dauerte es wieder nicht lange. Das erste vorbeifahrende Auto stoppte und setzte mich direkt vor der Tür des Hotels Mirhav ab.

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Lange war ich nicht mehr in einem Hotel gewesen bzw. hatte den Luxus eines Einzelzimmers erlebt. Ich betrat also das Hotel. Es ist im mediterranen Stil detailgetreu und liebevoll eingerichtet, von Chahen alles selber gut durchdacht und mit Herz umgesetzt, so erfuhr ich es später in der Führung, die er mir persönlich gab. Alle anwesenden Mitarbeiter hießen mich herzlichst willkommen. Ich bekam ein geräumiges Zimmer für 3 Tage gestellt. Also machte ich mich auf meinem Zimmer erstmal frisch und es mir bequem! Komfort ist für kurze Zeit ganz gut, doch wird mir schnell langweilig. Während meines Aufenthaltes versuchte ich viel Zeit mit meinem Gastgeber und „Wohltäter“ zu verbringen. So speisten wir zusammen und saßen abends immer noch einige Zeit zusammen, um uns über verschiedenste, sehr interessante Themen zu unterhalten und auszutauschen. Chahen erzählte mir seine Lebensgeschichte und ich ihm von meinen Erlebnissen auf meiner Reise. Er ist ein sehr gebildeter, weiser und erfahrener Mann, von dem ich viel in der kurzen Zeit gelernt hatte. Ich genoss meinen Aufenthalt sehr und danke nochmals für die Einladung. Ein Ort, den ich meinen Eltern auf jeden Fall empfehlen werde!

Armenien ist meiner Meinung nach unbegründet unterbewertet. Es ist zwar nur ein kleines Land, doch besitzt es eine sehr alte Kultur und Geschichte. Der größte Teil dieses geschichtsträchtigen Landes befindet sich allerdings heute in der Türkei. 

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